Manifest und Weckruf für ein neue europäisches Bildungsdenken

Die Kultusministerin Baden-Württembergs Susanne Eisenmann sowie die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek fordern ein gemeinsames deutsches Bildungssystem, um die Chancen für unsere Kinder in Deutschland vergleichbarer und gerechter zu gestalten. Das ist gut und überfällig.

Wie wollen wir ein Europa der Zukunft bauen, wenn wir im Bildungsbereich in Bundesländergrenzen denken? Wie wollen wir ein Europa der Zukunft bauen, wenn wir national denken und die europäischen Bewegungen wie FFF, S4F und Pulse of Europe nicht als Impuls für eine neue europäische Bildung annehmen?

Längst wechseln Familien ihren Lebensmittelpunkt nicht nur in Deutschland, sondern in Europa! Ihre Kinder müssen sich auf ein komplett neues System einrichten und verlieren wertvolle Bildungsjahre.

Wir brauchen ein “System” welches die Rahmenbedingungen wie eine gemeinsame Wertebasis, einige gemeinsame Bildungsinhalte, gemeinsame Bildungsprojekte (wie z.B. auf Hochschulebene das Erasmus Programm), sowie gleiche Anzahl an Schuljahren. Natürlich bleiben jedem Land und vor allem jeder einzelnen Schule Freiheiten und Eigenverantwortung, um ein passendes Profil zu entwickeln.

Doch wie könnte so ein gemeinsames Statut oder eine gemeinsame Präambel aussehen?

  • Wir leben Demokratie und Vielfalt in Europa

  • Wir fördern Freiheit und Verantwortung in Europa.

  • Wir leben Toleranz und Offenheit in Europa.

  • Wir gestalten gemeinsame Bildungsprojekte, Austauschprogramme und Partnerschaften.

  • Wir lernen mindestens zwei andere europäische Sprachen.

  • Wir einigen uns auf einige gemeinsame Bildungsinhalte wie globales Lernen, europäische Politik und Geschichte, europäisches Recht, Friedenserziehung und eine gemeinsame europäische Haltungsentwicklung

  • Wir leben Mitbestimmung und Partizipation in Jugendeuropaparlamente

  • Die Würde des Menschen ist unantastbar

  • Wir schützen die Umwelt und leben Nachhaltigkeit

  • Wir fördern Reisen und Kontakte innerhalb Europas

  • Wir arbeiten mit Kopf, Herz und Hand

  • Wir legen Anzahle der Schuljahre und evtl. Abschlüsse fest

  • Wir bauen die europäischen Schulen aus

  • dies nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten der Festlegung auf Rahmenbedingungen

  • wir gestalten die Digitalisierung

  • wir Lernen digalog

Ich selbst habe mehrere Jahre an der europäischen Schule in Karlsruhe unterrichtet. Ganz unbeschwert wuchsen die Kinder in einer Vielfalt von Sprachen auf, die sie meist alle am Ende ihrer Schulzeit verstehen und sprechen konnten. Es gab italienische, niederländische, englische, italienische und deutsche Sprachabteilungen. Der Fremdsprachenunterricht wurde nur von Native Speakern gestaltet. In manchen Fächern wurde abteilungsübergreifend gearbeitet. Das Kollegium war eine wunderbar, vielfältige Mischung von Menschen aus europäischen Ländern. Die Feste waren europäische und kulturell vielfältig gefeiert. Hier gab es keinen Einheitsbrei, sondern genau das Gegenteil. Jeder Schüler und auch Lehrer lebte seine Kultur und Sprache sogar intensiver und bewusster und dennoch entwickelte sich so eine kulturelle Vielfalt, Aufgeschlossenheit, Toleranz und Offenheit für die europäischen Nachbarn.

Das europäische Schulsystem entstand in den Städten, in denen es europäische Institutionen gab und war für die Kinder der europäischen Mitarbeiter der Institute eine Möglichkeit diese in einem europäisch geprägten Umfeld zu bilden. In meinen Augen ist es ein Leuchturmsystem europäischer Bildung - welches allerdings leider nur einer privilegierten Minderheit offen steht und sicher in einigen Punkten auch seine Schwächen hat. Doch wenn wir bedenken, dass es bereits vor über 50 Jahren entstand - dann kann man es auf jeden Fall als Leuchtturm bezeichnen.

Es muss allen Kindern in Europa möglich werden sich in einem europäischen, offenen Umfeld zu bilden. Dafür brauchen wir eine neue europäische Bildungshaltung und eine gemeinsame, zukunftsorientierte Lehr- und Lernkultur. Nur so können wir ein nachhaltiges Europa der Zukunft bauen und globale Herausforderungen wie Klimaschutz, Digitalisierung und Migration lösen.

Beginnen wir damit jetzt - hier in Deutschland - hier in Europa! Wir haben gute Voraussetzungen und eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Strukturen und Institutionen. Wir haben bereits jetzt eine wunderbare Vielfalt an Menschen in Europa, die es verdient eine Vision von Frieden, Zusammenhalt und gemeinsamen Werten von friedlichem Zusammenleben zu entwickeln und ein Beispiel für andere Kontinente zu werden, in denen das (noch) nicht so ist.

Wir brauchen eine neue Generation von Weltbürgern, die diese Verantwortung trägt und mit einem europäischen und gemeinsamen Mindset unser Europa der Zukunft gestaltet. Hier müssen Grenzen fallen, Perspektiven erweitert werden, multiprofessionell gedacht und kollaborativ gehandelt werden, um die Zeiten von Komplexität und Unsicherheit zu bewältigen.

Beginnen wir - Jetzt!

Bettina Sarnes