Was uns die Europa- und Kommunalwahlen 2019 lernen lassen soll(t)en?

Was lassen uns die aktuellen Wahlen vom Mai 2019 lernen? Weht der Wind der Veränderung? Bauen wir Mauern oder hissen wir Segel?

Wir erleben eine Spaltung in Deutschland:

  • zwischen Ost und West

  • zwischen jung und alt

  • zwischen weltoffen und nationalistisch denkend

  • zwischen digital und analog

  • zwischen Parteien und Bewegungen

  • zwischen Stadt und ländlichem Raum

  • und noch zwischen vielem mehr….

Doch was tun um die erneute Spaltung (die wir in Deutschland nach 1989 so erfolgreich überwunden hatten) wieder zu einer deutschen Einigung - ja zu einer europäischen und nachhaltigen Einigung führen?

Was wir lernen müssen:

  • in den Dialog gehen (auch mit unbequemen Gesprächspartnern)

  • erst zuhören und verstehen dann reden und überzeugen

  • die digitalen Welten und Social Media kennen lernen und versuchen zu verstehen

  • einen digalogen (Verbindung aus digital und analog) Raum finden

  • den Jugendlichen mehr Mitbestimmung bieten

  • das Klima und die Jugend ins Grundgesetz

  • mehr Transparenz in politischen Organisationen, Parteien und Parlamenten

  • mehr Demokratie- und Klimabildung in den Schulen

  • eine neue weltoffene, zukunftsgerichtete, nachhaltige Grundhaltung

  • eine gesellschaftliche Diskussion zu den Grundwerten Europas fördern und führen

  • wir brauchen auch Influencer, Youtuber und Instagramer aus der Politik

  • mehr Firmen, Wissenschaftler, Startups, die sich in die Politik einbringen

  • Stärkung des ländlichen Raums

  • neue Lehr- und Lernkultur in Schulen, Universitäten, Institutionen etc.

  • mehr “Raum” für Experimente, Neues, Unerwartetes und Kurioses

  • uns in machen Dingen und Gewohnheiten einzuschränken

  • nicht nur auf Verdienst und Ansehen achten sondern auch auf den gesellschaftlichen und sozialen Mehrwert

  • ……

Doch wie und wo können wir das lernen? Gibt es nicht bereits genug Projekte und Politiker, die diese Aufgaben auf ihrer Agenda haben?

Unser Bundespräsident Steinmeier initiierte den europäischen Dialog von Menschen mit unterschiedlichsten Meinungen, die Bundeszentrale für politische Bildung ist die treibende Kraft was Demokratiebildung in Deutschland angeht, das Projekt Erasmus unterstützt Studierende in anderen europäischen Ländern zu studieren, die Bahn bietet ein Europaticket für Jugendliche an, es existiert ein Strukturfond ländlicher Raum und auch Ostdeutschland erhält noch zahlreiche Fördergelder, Startups werden durch Bundes- und Ländermittel gefördert…..die Liste ließe sich einfach weiter führen.

Was fehlt ist eine umfassendere, gesellschaftlich geführte Debatte um “das Europa in dem wir leben wollen” und zwar im digitalen Raum sowie im analogen Raum. Diese Debatte schließt alle Themen ein: Klima, Wirtschaft, Gesellschaft, Werte, Philosophie, Bildung, Justiz uvm.

Die FFF Bewegung der Jugendlichen zeigt, wie man das in digitalen Zeiten auch ganz analog auf der Straße machen kann. Sie haben sich in der Welt digital vernetzt, einen gemeinsamen Konsens durch Kollaboration und Basisdemokratie gefunden, sie nutzen digitale Tools und soziale Medien, sie handeln und schaffen neue Projekte, sie mischen sich selbstbewusst in Politik und Mediengeschehen ein und haben so eine gewichtige Stimme! Leider fehlt ihnen noch ein bisschen “Feingefühl”, um die “Alten” zu verstehen und einzubeziehen. Der Slogan “Wir sind laut, weil IHR uns die Zukunft klaut” impliziert, dass die “Alten” allein dafür verantwortlich sind und zu wenig getan haben. Die “Alten” ließen sich damit in die Defensive treiben, statt zu erklären wo sie überhall gehandelt haben und auch zuzugeben, dass es Hausaufgaben gibt! Meine Generation (die heute berufstätige Elterngeneration) musste sich unter anderem um die Wiedervereinigung, die Energiewende, die Bedrohung durch Pegida und AfD, die Flüchtlingsbewegung, Afrika, den Brennpunkten im Nahen Osten, den Aufbau von Europa und mit dem Wiedererstarken nationalistisch denkender Staaten wie z.B. USA und Ungarn, die digitale Transformation kümmern. Die Elterngeneration musste eine neue Haltung im Umgang mit ihren Kindern entwickeln, die zwischen den beiden Extremen der “deutschen Mutter” der Hitlerzeit und des “laissez faire” der 68er lag. Ich denke wir haben hier gute Arbeit geleistet und konnten eine offene Demokratie in Deutschland festigen und die Idee Europas weiter entwickeln und haben eine gute Haltung zu unseren Kindern gefunden.

Die vielfach kritisierte Haltung von Angela Merkel “wir schaffen das” war rückblickend das Zeugnis und das Bekennen zu einem offenen, zugewandten Deutschland, dessen Flagge auch für Vielfalt weht.

Natürlich haben wir bei all den Hausaufgaben versäumt auf das Klima zu achten. Hier muss jetzt und sofort gehandelt werden - auf allen Ebenen.

Aus Sicht der Bildung müssen Schulen die Vorreiter im Bereich nachhaltigem Handeln und denken werden. Hier müssen die Klima und Umweltstartups der Zukunft entstehen, hier müssen digitale Kollaborationstools genutzt werden, hier muss auch außerhalb der Schule, auf der Straßen und anderen Orten gelernt werden. Schulen - die neuen Keimzellen der Innovation! Wir brauchen einen “another break in the wall” ein Bruch, ein Loch in den Mauern zwischen Schule und der restlichen Welt. Das Lied “We don`t Need no education” von Pink Floyd ist daher aktueller denn je. Doch wir brauchen nicht wie in dem Text von damals gesungenen “no education” (gemeint war die damalige) sondern wir brauchen die “best education”!

Angesichts der erneuten Trennung zwischen Ost und West brauchen wir mehr Schul- und Bildungs- sowie Städtepartnerschaften zwischen Ost und West sowie zwischen den europäischen Ländern. Die Bewegung Wir brauchen mehr Emotion beim Lernen und Lernerlebnisse, die unter die Haut gehen. FFF hat es da schon sehr weit geschafft.

Die Trennung zwischen analoger und digitaler Welt erfordert den Willen sich einzulassen auf die Spielregeln der Welten, um zu verstehen welche neuen Regeln wir brauchen, um Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit, Freiheit und Verantwortung sowie Demokratie zu erhalten und zu stärken. Die aktuelle Forderung von Annegret Kramp-Karrenbauer ist in meinen Augen ein Zeichen dafür, dass zumindest Sie selbst diese Welt noch nicht mal im Ansatz versteht. Die Instagramer, YouTuber und Influencer der Digitalen Welt sind die Künstler, Politiker, Sportler und Modedesigner oder Unternehmenschefs der analogen Welt. Die Follower der digitalen Welt sind die Parteimitglieder, Gewerkschaftler, Zeitungsleser und Fans in den Stadien der analogen Welt. Die Eine Währung in der digitalen Welt sind Likes und Klickraten, eine des Fernsehens sind Zuschauerquoten, eine der Parteien sind Wähler, eine der Fußballstars sind die Fans. Eine andere ist die Kompetenz, die Leistung und der Inhalt, der in der digitalen Welt dem Content entspricht.

Allen ist eine Währung gemeinsam! - Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Authentizität

Hier müssen wir alle daran arbeiten und können sicher noch einiges von den Influencern in der digitalen Welt lernen!

Wir brauchen mehr Vielfalt und Diversität zwischen jung und alt, digital und analog, Ost und West, Haltung und Einstellung, Beruf und Nationalität in der Politik Deutschlands, Europas und der Welt! Nutzen wir diese bewegten, energiereichen VUCA Zeiten und lenken das Schiff durch die Wogen der großen Transformation. Nachhaltige, lebenslange Bildung ist wie immer der Schlüssel dazu.

Der Wind der Veränderung weht. Bauen wir Segel um das Schiff gut lenken und segeln lassen zu können.

Bettina Sarnes, Leitung EducationINnovationARTelier - Institut für Bildungsinnovation