Bildung - Geschichtliche Aspekte

Hier ein Auszug aus dem noch nicht veröffentlichten Buch: 

"Von der Freude am Lernen zur Bildungskunst" - Inspiration zur Veränderung der Haltung in der Bildung - Kapitel 3: Historische Aspekte der Bildung

3 Historische Aspekte


Betrachtet man die Entwicklung der Bildungsgeschichte, so hat sich diese grundlegend verändert, da sich auch die Rahmenbedingungen und Bedürfnisse der Menschen verändert haben.. Die Bildung der Steinzeit beschränkte sich auf das Lernen der Gegebenheiten der Natur und den Nahrungserwerb sowie im sozialen Bereich, dem Beziehungsaufbau zur Gruppe, die in dieser Zeit überlebensnotwendig war. Es ist fraglich, ob man aus der Geschichte lernen kann, aber zumindest besteht die Chance, erkannte Fehler der jüngeren Geschichte nicht unmittelbar zu wiederholen.


3.1. Von der „Erziehung“ zur „Beziehung“


Im Vorfeld ein Auszug aus dem Klappentext der Buches „Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ in welchem die beiden Erziehungsbücher, die zu Hiltlers Zeit zur Standardlektüre der deutschen Mutter gehörten, untersucht und auf ihre Auswirkungen in die heutige Zeit ausgewertet werden.
Adolf Hitler forderte bereits in »Mein Kampf«, das schon in der »frühesten Kindheit die notwendige Stählung für das spätere Leben« zu erfolgen habe. Durch gründliche Ausbildung der Mütter müsse es möglich sein, »in den ersten Jahren des Kindes eine Behandlung herbeizuführen, die zur vorzüglichen Grundlage für die spätere Entwicklung dient.«
Mit dieser »späteren Entwicklung« ist vor allem das nahtlose Sich-Einfügen in die Ideologie und die Institutionen des NS-Staates gemeint. Darum geht es ausdrücklich auch der Ärztin Johanna Haarer, deren Bücher »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« und »Unsere kleinen Kinder« in vielen Familien während des Dritten Reiches und in den Jahren danach zur Richtschnur für den Umgang mit Babys und Kleinkindern wurden.
Nationalsozialistische Erziehung, basierend auf den sehr genauen Anweisungen von Haarer, war vor allem eine Erziehung durch Bindungslosigkeit zur Beziehungsunfähigkeit. Es liegt auf der Hand, dass nur der an keinerlei Werte und Moral, an kein Gewissen und
an keinen Menschen gebundene faschistische Typus auch jederzeit für jeden Zweck und jedes Ziel einsetzbar war.


Es ist an der Zeit, sich auch mit diesem Erbe des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, mit der Tatsache nämlich, dass der Großteil der im Dritten Reich und in den Nachkriegsjahren Geborenen ins Leben entlassen wurde mit frühen nationalsozialistischen Prägungen, ohne sich jemals dieser Tatsache und ihrer möglichen Folgen bewusst geworden zu sein. Klappentext aus 1
Es ist sicherlich oft der Fall, dass die heutige Elterngeneration von ihren eigenen Eltern noch solche „Erziehungstips“ erhält. „Du erziehst dein Kind zum Weichei“, „Erziehung bedeutet auch Gehorsam“ und „Lass das, sonst tanzen dir deine Kinder später auf dem Kopf herum“ sind nur einige der Sätze, die in diese Richtung gehen.
Den Wechsel von Erziehung zu Beziehung lässt sich an einem kleinen Beispiel verdeutlichen.
Das Kind sitzt am Tisch und klopft energievoll auf den Tisch, statt wie gewünscht zu essen. Die Standardreaktion: „Lass das sein und iss` jetzt ordentlich“ ist ein erzieherisch wirkender (oder zumindest soll er wirken) Befehl. Die Interaktion: „Ich möchte gerne in Ruhe essen und will nicht, dass du auf den Tisch haust“ ist eine Reaktion auf Beziehungsebene. Ich nehme das Kind wahr, reagiere und spreche auf Augenhöhe und stecke meine persönliche Grenze. Das Kind hat nun die Möglichkeit aufzuhören oder es sagt selber, das es keinen Hunger mehr hat und lieber spielen will. Das kleine Problem sollte damit gelöst sein, dass man das Kind aufstehen lässt und in Ruhe weiter essen kann. Hier wird deutlich, dass das was man heute unter Erziehung betrachtet nichts anderes als Beziehung ist, bzw. ohne Beziehung gar nicht funktioniert.


1 Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind


3.2. Education ist Bildung, ErZIEHung ist BEziehung


Aus diesem Grunde plädiere ich für die Abschaffung des Begriffes Erziehung, den es in den meisten Sprachen gar nicht gibt. Education(engl), Éducation(franz.), Educatione(ital.) bzw. Bildung reichen vollständig aus.
Liest man sich das Sprichwort „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht“ durch erkennt man schnell, dass der Begriff ErZIEHung nichts mit Ziehen sondern mit BEziehen zu tun hat oder haben sollte.
Ein Mensch, ohne die Fähigkeit zur Beziehung, ist nicht in der Lage Wissen aufzunehmen und Zusammenhänge zu erfassen. Das zeigt sich im Phänomen des Hospitalismus und den schwierigen Lebensläufen von Kindern, die in den ersten drei Jahren keine Chance zu Beziehungslernen hatten, da keine echten Bezugspersonen da waren. Eine Ausnahme bilden die Menschen mit Autismus. Sie zeichnen sich durch hohe Auffassungsgabe für Zahlen und Daten aus, bilden aber meist nur wenige Beziehungen aus und haben Schwierigkeiten emotionale Signale aufzunehmen.
Daher ist die Eltern- und Lehrerschaft in erster Linie eine Beziehungsschule, in der das Kind lernt Beziehung aufzubauen. Das Kind kommt mit der Grundkompetenz zu Beziehungsaufbau bereits zur Welt, in dem es uns bereits mit drei Monaten bewusst anlächelt und wenige Sekunden nach der Geburt Beziehung zur Mutter aufbaut, wenn es an der Brust  gestillt wird, und seinem angeborenen Grundbedürfnis nach Nahrung, Wärme und Nähe folgt. Kinder kommen neben den elementaren Grundbedürfnissen wie essen, trinken und schlafen mit zwei grundlegenden „psychologischen“ Bedürfnissen zur Welt: Das Bedürfnis nach Kontakt, Nähe und Beziehung zum anderen Menschen (zunächst zu der Mutter) und dem Explorationsbedürfnis dem „Erkundungs- und Entdeckungsbedürfnis“, welches den Sinn hat, die Kinder Kontakt zu der Umwelt aufzunehmen und deren Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Dazu bedarf es zu Beginn noch nicht einmal der Sprache, die sich erst zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr entwickelt. Ein Beispiel mehr das zeigt, dass die Grundlage zu Bildung die Beziehung und nicht die Erziehung ist. Erziehung geschieht von außen, wohin gegen Beziehung in erster Linie ein aktiver Prozess in sich selbst und  auch interaktiver Prozess und mit dem anderen
Menschen ist. Hier werden Neuronen verknüpft und Lern- und Verhaltensmuster entwickelt, welche die Grundlage für lebenslanges Lernen bilden.


• Wo bemerkst Du alte Verhaltens-und Denkmuster in deinem eigenen Handeln und Denken, die im Zusammenhang zu deinen Eltern oder Lehrern stehen? • Welches ist deine persönliche Geschichte deiner Bildung? Gab es Umbrüche oder besonders motivierende Erlebnisse und Bezugspersonen, die dich besonders begeistert haben? Was  haben diese Menschen anders gemacht? Wie begeisterst Du andere Menschen?