Leuchtturm? - Inside Gemeinschaftsschule: Wie innovativ kann unser staatliches Schulsystem sein? - Gastbeitrag von Daniel Christen

Inside Gemeinschaftsschule: Wie innovativ kann unser staatliches Schulsystem sein?
Über meine Erfahrungen im Praktikum an einer GMS

Es ist erst einige Jahre her, als die Landesregierung in Baden-Württemberg den Mut fasste, eine so weitreichende Veränderung in der Schullandschaft vorzunehmen. Und das in einem Bildungswesen, das bisher sehr unangetastet blieb. Zum Schuljahreswechsel im Herbst 2012 war es dann soweit: Die ersten Gemeinschaftsschulen (GMS) wurden zugelassen. Heute sind es hunderte, alleine in BaWü. Die Lehrpläne veränderten sich, die Ausbildung der Lehrer*innen, … Die Einführung trug weitreichende Folgen mit sich.

Dabei waren wir Schwaben und Badener nun keinesfalls die großen Revoluzzer. Gemeinschaftsschulen gibt es auch in anderen Bundesländern schon länger und die Dreigliederung des Schulsystems ist sowieso eine Idee, die sich nur im deutschsprachigen Raum so weit ausgebreitet hat. Doch ist die neue Schulform bei uns angekommen? Hat sie Fuß gefasst und Unterstützer gefunden? Schwierig.

Mehr als schlechte Hauptschulen?

Hört und liest man von Gemeinschaftsschulen, so sind es oft eher unliebsame Kommentare oder solche von Menschen, die mit dem Konzept, welches sie selbst nicht miterlebt haben, nicht besonders viel anfangen können. Von Schüler*innen und Eltern der GMS-Kinder hingegen vernahm ich wenig Negatives über die Konzeption, abgesehen von den Klassikern der Defizite, die wir alle kennen (Lehrermangel und Stundenausfall, mangelnde Ausstattung, schlechte Zensuren, …). Aber klar, wer würde sein Kind schon dort hinschicken, wenn die Idee einem so ganz widerstrebt.

Und auch ich selbst gehörte mit Sicherheit zu denen, die nicht wirklich eine Ahnung vom Alltag an diesen Schulen hatte. Deshalb entschloss ich mich zu einem Praktikum an einer Gemeinschaftsschule, um das Konzept zu verstehen, Strukturen zu hinterfragen und schließlich mir eine eigene Meinung zu bilden. Im Rahmen des Lehramtsstudiums war ein Praktikum sowieso Pflicht für mich, eine tolle Möglichkeit also, diese zu nutzen.

Das Praktikum führte mich an eine ganz normale Schule im nördlichen Landkreis Ludwigsburg. Keine Privatschule, kein Vorzeigeprojekt. Dafür kräftige Umbauarbeiten, hoher Migrantenanteil, ein eher unterbesetztes Lehrerzimmer. Aber dennoch eine gute Grundausstattung. Modernes Möbelwerk, druckfrische Bücher, WLAN und ein paar Tablets. Nur die Fachräume fehlen leider wegen den Umbaumaßnahmen. Mein erster Eindruck war sehr gut. Eine Schülerin hielt mir die Tür auf, ein freundliches Hallo, was will man mehr.

In den Wochen dort lernte ich viele tolle Menschen kennen. Ich durfte mich selbst ausprobieren und mir wurde viel gezeigt, was für mich als GMS-Neuling genauso wichtig wie interessant war. Die erste Lektion habe ich schon am ersten Tag im Lehrerzimmer gelernt. Hier scheinen Teamplayer zu arbeiten. Die Lehrer*innen waren die Pausen über mit Absprachen und Austausch beschäftigt. Da wurde schon mal eine Stunde gemeinsam geplant, mal kurz gegenseitig eingesprungen und wenn jemand gute Materialien findet oder selbst bastelt, werden diese ganz selbstverständlich in den gemeinsamen Austausch-Ordner geheftet. Für mich ein guter erster Eindruck! Obgleich mir auch entgegenschallte: Anders geht’s auch gar nicht, zumindest nicht richtig oder nicht lange.

Eine Gemeinschaftsschule fordert die Teamarbeit förmlich ein, schließlich sind die pädagogischen Gedanken nicht die, die zu einem möglichst frühen Feierabend führen. Die etwas längere To-do-Liste erklärt sich, wenn wir uns die Schülerschaft an der GMS anschauen. Wohingegen Grundschulen schon jeher quasi Gemeinschaftsschulen waren, wurden die Schüler*innen nach Ende der vierten Klasse traditionell einer der drei wesentlichen Schulformen hin empfohlen, wodurch einigermaßen homogene Gruppen entstehen sollten. Nun kam eine „vierte Schulform“ dazu und die nimmt wiederum keine selektierte Schülergruppe, sondern: alle!

Ein ganzes Stück weit freier.

Die Schüler*innen an den GMS können wiederum theoretisch alle Schulabschlüsse ablegen. Hauptschulabschluss, Mittlere Reife und Abitur. Trotz des Schönheitsmakels, dass es für letzteren noch keine GMS mit gymnasialer Oberstufe gibt, was unter Betracht der Vollständigkeit des Konzepts nur bedingt sinnvoll ist. Um das ganze möglich zu machen, scheint der Begriff „Niveau“ (auch Standard oder Stufe) fast allgegenwärtig zu sein. Die Schüler*innen sitzen alle zumeist im gleichen Unterricht, haben die gleichen Fächer, aber arbeiten auf unterschiedlichen Stufen: Mindeststandard,  Regelstandard und Expertenstandard. Wer nun eine Parallele zum dreigliedrigen System zieht, liegt nicht falsch.

Für mich als Schüler wäre dies eine Traumvorstellung gewesen. Ich darf im Politik-Unterricht meine volle Power als Experte rauslassen und dümple zufrieden in Mathe auf dem Mindestniveau herum. Mitnichten aber, dass das so einfach wäre. Teilweise unterschieden sich Anforderungen im Bildungsplan kaum! Und wer ein Fach nicht mag, wird es auch aus Mindest-Perspektive nicht lieben. Dennoch können große Enttäuschungen durch schlechte Noten in Fächern, die einem über den Kopf wachsen, so besser vermieden werden. Der Begriff „Lernen“ bleibt also positiver besetzt.

Apropos Noten: Diese sind, ebenso wie das Sitzen-bleiben an der Schule, die ich besuchte, bis zum Ende der 7. Klasse ausgesetzt. Bewertet wird trotzdem. Jedoch bedeutend kleinschrittiger, individueller und mit Auswertungen in Tabellenform, Rückmeldungen auf kleine Tests und schriftlichen Berichten in den Zeugnissen. Die Noten kehren mit der 8.Klasse zurück. Der Grund ist, dass auch die Schulabschlüsse dort in greifbare Nähe rücken und diese eben noch auf Noten basieren. Spätestens in der 8. Klasse muss auch entschieden werden auf welchem Niveau in allen Fächern ab nun immer gearbeitet werden möchte. Somit wird auch entschieden, welcher Schulabschluss angestrebt werden soll. Eine Besonderheit ist dabei, dass der Hauptschulabschluss nach neun oder zehn Schuljahren abgelegt werden kann. Ein Jahr, das einigen Schüler*innen mit Sicherheit noch mehr Ruhe und auch Reife bringt.

Es macht sich bemerkbar, dass ein GMS-Schultag komplexer ist als ankommen, sich berieseln lassen und wieder gehen. Um das alles unter einen Hut zu bringen, wurde ein Instrument eingeführt, von dessen Idee ich sehr angetan bin. Jede Schüler*in wird alle zwei Wochen „gecoacht“. Coaching heißt ein 15-minütiges Gespräch unter vier Augen mit einer zugeteilten Lehrkraft über Lernziele, aktuelle Aufgaben und auch mal etwas , das zu Hause nicht so rund läuft. Wenn das Vertrauensverhältnis stimmt, ist dies für viele Schüler*innen eine unabdingbare Möglichkeit der Reflexion. Deutlich wird die Rolle der Lehrer*innen, die nun viel mehr „Lernbegleiter*innen“ sind und sogar als Trainer*innen agieren. Wie wichtig dabei die Beziehung zwischen Schüler*in und Lernbegleiter*in ist, ist keine Frage.

Meine anfänglichen Bedenken, der offensichtliche Stempel „Mindestniveau“ könnte zur gegenseitigen Abwertung unter den Schüler*innen führen, wurde ganz und gar nicht bestätigt. Alle gingen, so meine Beobachtung, sehr offen mit ihrem aktuellen Lernstand um und waren da auch nicht auf die Mitschüler*innen neidisch, selbst nicht bei gemeinsamer Gruppenarbeit. Hier ist wahrscheinlich vor allem ein gutes Klassenklima und ein angenehmes Miteinander wichtig. Moderne Schule heißt wohl auch: Die Stärken des anderen schätzen.

Auch das derzeit hochaktuelle Thema Inklusion konnte ich in der Realität betrachten. Die Klasse besucht eine Hand voll Schüler*innen, die Anspruch auf zusätzliche Förderung durch Sonderpädagog*innen haben. Auf diese Schüler*innen wird im Schulalltag nochmal besonders acht gegeben, wobei das meist gar nicht so stark auffällt. Die extra Sonderbehandlung gibt es nicht unbedingt öfter. Einmal nur zu zweit oder ein klärendes Gespräch gibt’s für jeden, wenn eben benötigt. Die Förderschüler*innen werden jedoch von einer Sonderpädagog*in betreut, haben die doppelte Coaching-Zeit zur Verfügung und bekommen zumeist veränderte Arbeitsblätter. Dort werden die Aufgabenstellungen ggf. so verändert, dass sie der einzelnen Schüler*in mitsamt ihrer Stärken und Schwächen dann doch gerecht werden. Die Schüler*innen hatten, soweit ich dies beobachtet habe, das selbe Ansehen unter den  Mitschüler*innen. Die Inklusion funktioniert, sofern sich das ganze Klassenteam auf besondere Anforderungen einstellt und genügend Zeit zur Verfügung hat. Mit Letzterem meine ich vor allem die Stunden, bei denen Sonderpädagog*innen oder Hilfskräfte in der Klasse anwesend sind. Und diese Stunden sind leider oft sehr knapp kalkuliert.

Die Schule, die ich besucht habe, arbeitet außerdem nicht immer mit den klassischen Sanktionsmöglichkeiten „Strafarbeit“ und „Nachsitzen“. Generell soll das Motto „Jede Schüler*in hat das Recht, ungestört zu lernen und jede Lehrer*in ungestört zu unterrichten.“ für einen freundlichen Umgang miteinander sorgen. Wenn’s dann doch mal zur ein oder anderen Störung im weitesten Sinne kommt, arbeitet die Schule einheitlich mit einem Degradierungssystem. Was erstmal furchtbar klingen mag, ist wirklich sehr ausgeklügelt. Alle Schüler*innen starten beim gleichen Level, genannt „Einsteiger“. Auf diesem Level hat man einige Privilegien, z.B. die freie Wahl des Arbeitsplatzes (Klassenzimmer, Gang, Schulhof). Bei gutem Verhalten kann man sich noch einige Privilegien mehr dazu verdienen, ist das nicht so, kann man wiederum auch einige wieder verlieren, sodass für so manches zuerst nach Genehmigung gefragt werden muss oder einige Wahlen gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Der Abstieg muss von der Lehrer*in gerechtfertigt und auf einem Formular vermerkt, der Aufstieg sogar förmlich beantragt werden, nebenbei wird so unsere Bürokratie kennen gelernt.  

Im Laufe des Ganztagesbetriebs ist öfters mal Zeit für Freiarbeit, Lernatelier, Lernwerkstatt, wie auch immer… Gemeint ist in allen Fällen eine Unterrichtsstunde, in der die Schüler*innen auf sich selbst gestellt ihre Aufgaben aller Fächer erledigen dürfen. Typischerweise auch mal in Kleingruppen, auf dem Flur oder Schulhof, was eben gerade Sinn macht und die Aufgaben etwas erleichtert. Diese Form der stückweit selbstorganisierten Arbeit ist in jeder GMS zu finden und bildet auch einen guten Puffer, um für den ein oder anderen noch eine Förderstunde einzubauen oder einzelne Themen zu vertiefen. Jedoch ist die Arbeitsphase natürlich immer noch an das gebunden, was in den einzelnen Stunden gerade besprochen wird. Immerhin fallen Hausaufgaben somit meist weg. Aufgaben, für die in der Schule immer noch eine Lehrer*in direkt ansprechbar ist, wären zu Hause für viele Schüler*innen ohne Hilfe eine zusätzliche Herausforderung.

Eine weitere Form des Kontakts steht tatsächlich digital zur Verfügung. Über eine Online-Plattform können die Schüler*innen und die Eltern (die einen eigenen Zugang zum Portal haben) die Lehrer*innen kontaktieren und andersherum. Materialien können verteilt und Aufgaben gestellt werden – fast schon wie in der Uni! Gut für die einzelnen Schüler*innen ist außerdem, dass der jeweilige Lernfortschritt einzusehen ist, sofern diese Daten erhoben wurden. Im Portal werden aktuelle Bewertungen gezeigt und ein Ausblick auf die Themen, die noch ausstehen. So kann Digitalisierung für den Einzelnen durchaus ein sinnvoller Helfer sein.

Ein geeigneter Ort für Innovation!

Das Land Baden-Württemberg bewirbt sein gesamtes Schulsystem gerne mit dem Slogan „Bildung, die allen gerecht wird“. Gerecht wird Bildung überall dort, wo Schüler*innen und Lehrer*innen aufeinander zugehen, sich wertschätzen und gemeinsam ihren Interessen nachgehen. Zugegeben ist das im Jugendalter dann auch oft möglichst schnell raus rennen und sich möglichst viel und intensiv körperlich auspowern. So habe ich in einer Sportstunde auch gemerkt, wie viel Druck da nach einem ganzen Vormittag Sitzen plötzlich entweichen kann.

Die Gemeinschaftsschule ist derzeit immer noch ein Nischenprodukt in unserer Bildungslandschaft. Noch zieht es viel zu wenige Schüler*innen dort hin, die locker das Expertenlevel schaffen würden. Und immer noch hat die GMS den Ruf, man habe unausgewogenen Hauptschulen nur einen anderen Namen gegeben. Mit diesem Text möchte ich hingegen die neue Schulform loben! Drei Wochen sind zugegeben nicht der längste Einblick, den man haben kann. Doch die kurze Zeit hat mich schon überzeugt. Ich denke, dass wir eine individuelle Förderung und passgenaue Angebote gerade unter den Startvorrausetzungen einer Gemeinschaftsschule hinbekommen. Ich bin überzeugt, dass die Inklusion und das Ziehen aller an einem Strang vor allem an diesen Schulen Sinn macht. Ich denke, dass Gemeinschaftsschulen mehr Kontakt zwischen Menschen verschiedenster Hintergründe schaffen und den Zusammenhalt in der Gesellschaft somit unterstützen. Allesamt Ziele also, die zukunftsgewandte Bildungspolitik verfolgen muss. Wir sehen, dass die Gemeinschaftsschulen ein guter Ort für Innovationen sind. Die Schulen reflektieren ihr Tun, sehen wenn es auch ohne Noten geht oder Hänschen was ganz anderes braucht. Es ist unsere Sache, ob wir es wagen, uns darauf einzulassen. Wann eine Schule gut ist, kann ich auch nicht genau beantworten. Aber eine Gemeinschaftsschule hat auf jeden Fall das Potential, so richtig gut zu sein!

 

 

Über mich

Daniel Christen (20) aus Besigheim studiert auf Lehramt an der PH Ludwigsburg, ist politisch engagiert und hat gelegentlich mal das Bedürfnis, seine Gedanken aufzuschreiben;)