"In der Schule verlernen Schüler das Denken" - Gastbeitrag von Conny Dethloff

Problemlösen ist heute in den meisten Fällen nur noch das ungefilterte und unreflektierte Anwenden von vorgefertigten Lösungen. In diesen Fällen haben wir dann auch keine Chance, die tiefgreifenden Probleme unserer heutigen Zeit, wie die Finanzkrise oder die Umweltproblematik, zu lösen. Denn es sind neuartige Denkansätze notwendig, keine Best Practice, wie Albert Einstein so schön sagte.

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Aber warum sind wir Menschen in der Regel dazu nicht mehr in der Lage? Warum können wir nicht mehr denken? Aus meiner Sicht ist der Grund dafür in unserem Bildungssystem zu suchen. Wir haben das Denken in der Schule verlernt. In der Schule bekommen wir Menschen vermittelt, dass es nicht mehr notwendig ist, seinen eigenen Kopf zu benutzen, sondern dass es ausreicht den Kopf Anderer zu benutzen, in dem Wissen “gebimst” wird. Wissen, dass man im heutigen Internetzeitalter in Sekundenschnelle auch “googeln” kann.

Um es auf den Punkt zu bringen. In der Schule werden die Kinder trivialisert. Später wundern wir uns dann, wenn in der Mehrzahl nur noch unkreative Menschen ins Arbeitsleben eintreten, die nur noch Antworten liefern können, die die betreffenden Probleme trivialisieren. Schüler, die beispielsweise auf die Frage “Was ergibt 5*4” der Lehrerin/ des Lehrers mit “4*5” oder “eine gerade Zahl” antworten, bekommen mit Sicherheit nicht die volle Punktzahl zugesprochen. Die Schüler wissen, welche Antwort erwartet wird, nämlich “20”. Also sagen sie das auch. Ganz einfach. Trivialisierung beschreibt Heinz von Foerster in seinem Buch KybernEthik wie folgt.

Trivialisierung ist Amputation interner Zustände, Blockierung der Entwicklung unabhängigen Denkens und Belohnung von vorschriftsmäßigem, also voraussagbarem Verhalten.

Das oben genannte Beispiel kann man bezüglich des Lernverfahrens in den Schulen sehr gut verallgemeinern. Es wird stets genau ein Erwartungshorizont in Form einer Lösung formuliert. Diesen muss der Schüler treffen, um nicht durchzufallen. Es wird also genau ein bestimmtes Verhalten der Schüler zugelassen. Genau dieses Denkmuster schleppen wir dann unser restliches Leben mit uns herum und können es kaum mehr abwerfen. Wenn wir aber bedenken, dass es im Jetzt stets ganz viele mögliche Zukünfte gibt, die erst durch unser Agieren zu genau einer Zukunft werden, steht das natürlich konträr unseren Denkprozessen gegenüber. Wir sind gar nicht mehr in der Lage uns verschiedene Handlungsoptionen vorzustellen. Wir denken und handeln nur noch in dem Wahr-Falsch Schema.

Wenn ich also in meinem Post Entscheidungen: Mit System Dynamics dem BI Wirkkreis Leben einhauchen darauf eingehe, dass wir denken müssen, um gute Entscheider zu sein und in der Schule das Denken verlernt wird, ist einleuchtend, wo in Bezug auf gute Entscheider für die Zukunft angesetzt werden muss, in der Schule.

Ich möchte folgend meine Ideen und Gedanken zum Thema Bildung beschreiben. Diese erheben ob der Komplexität des Themas keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sollen aber einige Bausteine eines Fundamentes eines zukunftsweisenden Bildungssystems liefern. Ich möchte Sie gerne ermuntern, über die Möglichkeit der Kommentare dieses Fundament vervollständigen zu helfen.

Als erstes möchte ich auf theoretisches Wissen zurückgreifen, welches aus dem Fachgebiet des radikalen Konstruktivismus gewonnen wurde. Dabei gehe ich vor allem auf zwei Themen ein. Zum einen darauf, dass der Lernprozess ein zirkuläres geschlossenes Agieren ist und zum anderen darauf, dass die Validitätsprüfung des Erlernten stets durch Kommunikationsprozesse geschieht.

Kommen wir zum zirkulär geschlossenen Agieren. Aus der Lerntheorie von Jean Piaget wissen wir wie der Lernprozess eines Kind aussieht. Das Kind lernt beispielsweise einen Ball als Ball kennen, in dem es versucht den Gegenstand “Ball” unter Kontrolle zu bringen. Es entwickelt dabei eine spezifische sensomotorische Kompetenz, die benannt wird, sobald das Kind ein gewisses stabiles Verhalten in Bezug auf den Gegenstand “Ball” erworben hat. In unserem Fall bezeichnet es diese Kompetenz dann als “Ball”. “Ball” ist der Eigenwert der Folge von unterschiedlichen Einwirkungen auf den Gegenstand komplett unabhängig vom Startwert, sprich wie das Kind begonnen hat, diesen Ball für sich zu begreifen. Das Kind besitzt damit ein Endverhalten in Bezug auf den Ball, welches unabhängig von der initialen Ursache ist. Das bedeutet also, nicht der Reiz ist für das Verhalten des Kindes verantwortlich, sondern das Kind selber. Was lernen wir daraus für das Lernen in der Schule?

1. Das Lernen setzt das Interesse des Lernenden voraus. Es ist unmöglich, die Wahrnehmung und das Erkennen und somit das Lernen steuernd von außen zu beeinflussen.

Kommen wir zum Validieren des Erlernten. Das Kind verifiziert, ob sein Eigenverhalten “richtig” ist, sprich ob das Ergebnis seiner Lernprozesse in sein Leben passt (viabel ist), in dem es abprüft, ob sich seine Modelle, die es sich durch das Lernen von Dingen, Verhältnissen und Vorgängen in der Erlebenswelt aufgebaut hat, in sprachlichen Interaktionen mit Anderen bewähren. Ist dies der Fall, bewirkt das eine Bestätigung und damit eine Verstärkung des Erlernten. Hat das Kind beispielsweise einen Ball in der Hand und benennt diesen mit Auto, wird es wahrscheinlich von seinen Eltern ein negatives Feedback bekommen. Mit der Zeit lernt das Kind, das ein Ball rund ist, das ein Auto beispielsweise 4 Räder hat und so weiter und so fort. Was lernen wir daraus für das Lernen in der Schule?

2. Der Lehrer darf nicht als Außenstehender des Lernprozesses, sondern als Teilnehmer gesehen werden. Kommunikative Prozesse zwischen allen Lernbeteiligten, Lehrer und Schüler, gewinnen enorm an Bedeutung.

Die beiden eben getroffenen Schlussfolgerungen möchte ich nun an 6 von mir beobachteten Paradigmen unseres Bildungssystems spiegeln, die aus meiner Sicht schnellstens überdacht werden müssen.

A. Durch Benotung kann Motivation und Pflichtbewusstsein für das Lernen vermittelt werden.

Kinder werden spätestens ab der dritten Klasse benotet. Kinder lernen in der Kita beispielsweise noch mit absoluter Freude. Sie probieren aus, lernen Laufen und Sprechen, all dies ohne Benotung. Kinder müssen in der Kita nicht explizit inspiriert werden zu Lernen. Sie tun es einfach. Sie müssen nicht durch Regeln und auferlegten Pflichten gezwungen werden. Sie lernen aus Enthusiasmus heraus. Warum glauben wir, dass Kinder ab einem gewissen Alter benotet werden müssen? Um sie zu motivieren?

Müssen Sie beispielsweise aufgefordert werden, Ihrem Hobby nachzukommen, quasi pflichtbewusst ihrem Hobby gegenüber zu sein. Hört sich komisch an, oder? Pflichtbewusstsein und Hobby passen nicht zusammen. Und zwar deshalb nicht, weil Sie ihrem Hobby mit Freude nachkommen. Sie verspüren keine Pflicht, machen es trotzdem. In der Schule wird auf Pflichtbewusstsein großen Wert gelegt und immer wieder darauf hingewiesen. Also geht man wohl schon davon aus, dass Schüler in der Regel keine Freude haben am Lernen können. Dabei sagen doch die neuesten Erkenntnisse aus der Neurologie, dass Lernen nur in Zusammenhang mit Freude am besten geht, da das Gehirn nur dann Botenstoffe aussendet, die das Schaffen neuer Verbindungen zwischen Neuronen begünstigen. Und das muss beim Lernen passieren.

B. Wettbewerb ist notwendig, um auf das Leben vorbereitet zu werden.

Vor ca. 2500 Jahren setzten die Philosophen Demokrit und Leukipp die Auffassung in die Welt, dass die Menschen nur eine Anhäufung von Atomen sind und das man alles aus der Wechselwirkung der Atome untereinander erklären kann. Das ist der Anfang der rein materialistischen Sicht auf die Welt. Dieses Denkschema hatte ihre Blütezeit in der Industrialisierung. Diesen Ideen hängen wir in der Bildung heute immer noch an: Messen, Objektivierung, Mechanisierung etc.

Wir können uns der Stärke, etwas objektivieren zu können, kaum entziehen. Basis für den Wettbewerb in der Bildung sind Zensuren und Beurteilungen. Kinder müssen vergleichbar sein. Man benötigt für die Vergleichbarkeit eine Entscheidungsgrundlage, mit der man später sehr gut Verantwortung dafür abgeben kann. Wenn also ein Kind doch schlechter oder besser ist als erwartet, ist das Messverfahren der Zensuren und Beurteilungen schuld. Geht ja gar nicht anders. Kinder werden wie Maschinen behandelt. Man muss stets besser sein als der Andere. Und dann wundern wir uns, wenn die Kinder in späteren Jahren nicht selbständig denken können, nicht kreativ oder nicht teamfähig sind. Kooperation wird zwar oft gelobhudelt, aber gehandelt wird nicht danach. Es geht stets nur um größer, schneller, weiter, besser. Denn darauf kommt es doch im Leben an. Oder? Wo uns das hinführt, nehmen wir hoffentlich alle derzeit wahr. Heute Morgen erst habe im TV wieder einmal die Ausschreitungen in Griechenland mit Erschrecken gesehen.

Ich muss nicht wissen wie gut mein Kind ist. Ich muss nur wissen, ob mein Kind glücklich ist. Kinder werden in jungen Jahren schon Stress ausgesetzt. In der zweiten Klasse haben Sie durchschnittlich 5 Unterrichtsstunden pro Tag. Sie bekommen Hausaufgaben ohne Ende auf. Derzeit hören wir in den Medien einige Debatten über Burnout. Kinder werden doch bereits in ganz jungen Jahren darauf vorbereitet, stets auf Hochtouren laufen zu müssen. Kinder haben doch aber das gute Recht darauf, einfach mal keine Lust auf etwas zu haben. Oder? Warum denn auch nicht? Bitte nicht damit verwechseln, dass ich Kinder in Watte gepackt sehen möchte. Sie benötigen aber Freiraum, um einen Sinn in den Aufgaben zu erkennen und deshalb Lust und kein Frust beim Lernen verspüren.

Bildung ist kein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn eines Spielers vollständig durch die seitens des anderen Spielers erlittenen Verlustes kompensiert wird. Sport ist beispielsweise solch ein Nullsummenspiel. Es gibt Gewinner und Verlierer. In der Bildung gibt es aber kein Entweder-Oder, sonder ein Sowohl-als-Auch. In der Bildung können auch Alle verlieren, oder eben Alle gewinnen. Derzeit sieht es nach ersterem aus.

C. Unser Gehirn ist vergleichbar mit dem Speicher eines Computers.

Schule darf nicht nur reine Wissensvermittlung sein. Schule soll Kinder und Jugendliche auf das Leben vorbereiten. Wissen hat eine immer kürzere Halbwertszeit. Allgemeinwissen vermitteln reicht meines Erachtens aus. Kein Auswendig lernen. Kinder und Jugendliche müssen also lernen WIE man sich Wissen aneignet, dieses in der Praxis einsetzt und ständig auf Aktualität überprüft.

In der Schule werden Kinder  und Jugendliche richtig darauf hin getrimmt, nur das wahrzunehmen, was in unser Denkschema passt. Dazu möchte ich Ihnen ein Beispiel nennen. Vor geraumer Zeit habe ich meinen Sohn mit dem Auto in die Kita gefahren. An einer Ampelkreuzung wartend, machte er mich darauf aufmerksam, dass im Auto auf der Gegenfahrbahn ein Bekannter von uns sitzt. Im festen Glauben, dass der Bekannte auf Dienstreise ist und er deshalb nicht hier sein kann, verneinte ich seine Vermutung. Im nachhinein stellte sich heraus, dass mein Sohn Recht hatte. Ich sah zwar auch das Auto und den Insassen, habe aber zu unaufmerksam beobachtet und wahrgenommen. Das ist ein Beispiel, wie wir mit der Zeit das verlieren, was Kinder noch beherrschen, das sensible und Beobachten und Wahrnehmen. Wir machen es getreu dem Motto: “Was nicht sein darf, kann nicht sein”. Wo lernen wir das? Richtig, in der Schule.

D. Man muss ein generalistischer Spezialist sein, um sein Leben zu meistern.

In der Schule werden die Kinder generalistisch zu Spezialisten erzogen. Sie müssen in vielen Fächern Spezialisten sein. Das geht in der Regel weit über die Allgemeinbildung hinaus. Reicht es nicht aus im Mathematikunterricht allgemeinbildend bis zur Prozent- und Zinseszinsrechnung zu lehren und zu lernen? Wieviel mussten Sie in ihrem Leben nach der Schule aus dem Bereich der Mathematik anwenden? Benötigen Sie die Differential- oder Intergralrechnung noch? Sicherlich nicht. Es sei denn, Sie haben sich beruflich für einen Weg entschieden, in dem dieses Wissen notwendig ist. Dann lernen Sie das aber auch später im Rahmen des Berufes oder Studiums viel schneller und effektiver. Denn Sie haben sich dann bewusst für diesen Weg entschieden und sind mit Freude und Enthusiasmus dabei. Sie erkennen den Sinn.

Mit der Konzentration auf das generalistische Spezialistentum wird der Level für Allgemeinbildung viel zu hoch angesetzt. Resultat ist, dass einfache Themen nicht mehr gekonnt werden, die aber für das Leben wichtig sind. In der heutigen Wirtschaft und Wissenschaft existieren zu viele Spezialisten, die in ihrer eigenen Welt leben und übergreifend nicht mehr in der Lage sind zu kommunizieren. Spezialisten verschiedener Fachgebiete verstehen sich einfach nicht. Die Lösung der Probleme unserer heutigen Zeit bedürfen aber Vernetzung von unterschiedlichen Fachbereichen.

E. Kinder müssen durch Disziplin und straffe Regeln lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Schule muss Sinn vermitteln, etwas zu lernen. Das tut sie derzeit nicht. Nur wenn Menschen den Sinn einer Sache kennen, sind sie mit Eifer und Leidenschaft dabei. Beispiele sehen wir bei kleinen Kindern, wenn sie laufen oder sprechen lernen. Aber das hatten wir ja schon. Die Schule kennt statt Sinnvermittlung, das Aufstellen von starren Regularien und Strukturen. Alles geht über Druck und Angst, nach dem Motto, wenn ihr das nicht könnt, habt ihr später auch Schwierigkeiten einen Beruf zu finden.  Wurden Kinder in der Kita beim Erlernen von Laufen und Sprechen auch diesem Druck ausgesetzt? Natürlich nicht. Aber warum hat man es dort nicht als angebracht gesehen und  in der Schule auf einmal als notwendig? Mit Druck geht die Freude am Lernen verloren. Voraussetzungen des Lernens und Verstehens sind Faszination, Neugierde, Enthusiasmus.

Aus der Systemtheorie kennen wir den Effekt der Selbstorgansiation. Ein Beispiel, welches sich in der Praxis sehr oft bewährt hat sind die Kreisverkehre im Straßenverkehr. Überall dort wo statt Ampeln Kreisverkehre geschaffen wurden, ist der Autostrom fließender mit weniger Staus geworden. Mit den Kreisverkehren werden straffe Regeln gebrochen und die Verantwortung in die Hände der Autofahrer gelegt. Überall dort wo Menschen in Gemeinschaften zusammenleben, werden natürlich Regeln benötigt. Aber diese sollten so weit gefasst sein, dass Menschen sich trotzdem frei und kreativ bewegen können. Das heutige Bildungssystem bietet diese Feiheit nicht.

Wenn Kinder in der Schule so auf das Leben vorbereitet werden, muss man ja davon ausgehen, dass das Leben “dreckig und gemein” ist und wir Menschen grundsätzlich nicht in der Lage sind dieses zu meistern. Ich höre sehr oft Sätze wie: “Das Leben ist kein Ponyhof.” Aber warum eigentlich nicht? Warum darf das Leben kein Ponyhof sein? Leben wir 80 Jahre, um uns größtenteils Stress aussetzen zu wollen? Warum darf das Leben kein Spaß machen? Warum darf Lernen kein Spaß machen? Wir sollten nicht vergessen, das Leben in der Gesellschaft, wie es heute existiert, haben wir geschaffen, wir ganz alleine.

Natürlich darf Lernen Spaß machen, werden Vielleicht Einige jetzt sagen. Nur, warum verhindern wir genau das? Wie gesagt, Kinder haben in der Kita noch Spaß am Lernen. Und dann kommt die Schule. Kinder können und dürfen nicht ausprobieren. Sie werden in ein starres Schema gedrückt und sollen sich dann nach dem Schulabschluss für einen Beruf entscheiden. Wenn Sie dann öfter wechseln, egal ob die Ausbildung, den Beruf oder die Studienrichtung, bekommen Sie oft zu hören, dass sie sich nun endlich einmal durchbeißen müssen, dass sie endlich mal Verantwortung für ihr Leben übernehmen müssen. Sie passen dann nicht mehr in dieses starre Schema und werden “verstoßen”.

F. Es gab bereits Versuche, neue Ideen im Bildungssystem umzusetzen. Alle sind gescheitert.

Das wird mir oft entgegnet, wenn ich in Diskussionen meinen Standpunkt vertrete. Das Scheitern ist doch aber auch logisch, wenn die Kinder danach wieder in das alte kranke, von den oben angesprochenen Paradigmen, wie Wettbewerb und Mechanismus, entlassen werden.

Des Weiteren bekomme ich in Diskussionen oft zu hören, dass unsere Schüler “Drünnbrettbohrer” wären, die nicht verantwortungsvoll und nicht pflichtbewusst wären und zu Nichts Lust hätten, was mit Schule zu tun hat. Deshalb müsse man die “Zügel” anziehen. In dieser Argumentationskette erkennt man das linear-kausale Denkschema, dem wir Menschen sehr oft erlegen sind: eine Wirkung hat eine Ursache. Denn was wird hier missachtet? Die Kinder sind in diesem System groß geworden und sind jetzt so wie sie sind. Wendet man nämlich das nichtlinear-kausale Denkschema an, erkennt man, dass die Wirkung wiederum Ursache wird. Wir haben es hier mit dem Archetyp der Eskalation zu tun: … -> Schüler sind nicht pflichtbewusst -> Regeln und Druck werden verschärft -> Schüler werden noch weniger pflichtbewusst, da sie sich nicht ernst genommen fühlen -> Regeln und Druck werden weiter verschärft -> … Eskalation heißt der Archetyp deshalb, weil das Problem exponentiell wächst. Jetzt wissen wir aber das kein System unbegrenzt wachsen kann, da es durch seine Umwelt begrenzt wird. Es gibt also eine Grenze des Problemwachstums, die auf zwei Arten erreicht werden kann, entweder in dem man bewusst dagegen steuert oder in dem das System aus sich heraus kollabiert. Ich würde doch lieber die erste Methode bevorzugen, obwohl wir leider bereits Anfänge der zweiten Art wahrnehmen, wenn wir uns die Ausschreitungen in Großbritannien, Griechenland, Spanien oder in Nordamerika anschauen.

Unser Bildungssystem kann man mit einem Schnellzug vergleichen. Wir müssen diesen Schnellzug nicht nur lenken, sondern neu konzipieren. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass dies während der Fahrt geschehen muss. Die Mauer naht.

Conny Dethloff