"Werdet sanfter" und "der Friede auf Erden"

Die Fridaysforfuture Bewegung hat breite Teile der Gesellschaft erreicht. Greta Thunberg erhält die goldene Kamera und mahnt auch die Künstler an vielleicht mal lieber auf das Yoga Retreat und die damit verbundene Flugreise zu verzichten und ihren Einfluss zu nutzen, um sich gegen den Klimawandel zu engagieren. Die großen Polittalks - alle das gleiche Thema - und alle mit eine Vertreter der Bewegung besetzt. Doch die meiste Redezeit wird geopfert, um über die ausgefallenen Schule zu diskutieren…..

Partizipation ist längst ein Baustein unserer Schulbildung und nun, wo die Schüler aktiv partizipieren wird jeder skeptisch und hat vielleicht auch Angst, dass die Entwicklung in die falsche Richtung läuft?

“Wir sind jung, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut” - so die Sprechchöre der protestierenden Jugendlichen. Hier steht die Frage im Raum: “Wer sind wir?”. Damit ist auch meine Generation gemeint (ich bin nun 50 Jahre alt). Wir haben definitiv zu spät gehandelt und die Bedrohung des Klimawandels nicht ernst genug genommen. Es gab andere ebenfalls sehr wichtige Dinge zu regeln: Meine Elterngeneration war damit beschäftigt, die Gleichberechtigung voranzutreiben und war mit der sexuellen Revolution und der Stabilisierung der Nachkriegsgeneration und der Entwicklung der Demokratie beschäftigt. Wir hatten Themen wie den sauren Regen, die Überwindung des Ost-West Konfliktes, die Lösung der Frage um die Bedeutung der Kernenergie, die Gestaltung der deutschen Einheit und jüngst die Integration der vielen Flüchtlinge und den Aufbau Europas auf dem Stundenplan. Das waren und sind noch große Aufgaben und ich behaupte WIR haben das ganz gut gemacht. Daneben kümmert sich die mittlere Generation auch um die Kinder und die Senioren. Hier ist die Infrastruktur immer noch nicht zufriedenstellend aufgebaut, um sich zusätzlich auf genau diese großen gesellschaftlichen Aufgaben zu konzentrieren. Unsere Generation hat viel Gutes geleistet und sich ihren Herausforderungen gestellt. Darauf können wir stolz sein und hier tragen wir das “WIR” mit Selbstbewusstsein. Im Bereich Klima und Umweltschutz haben wir zu lange gewartet - die Grünen allerdings sind eine Partei unserer Generation, die sich gegründet hat, um auf die ökologischen Fragen des Landes Antworten zu finden.

Nun lastet der geforderte Handlungsdruck genau auf dieser - unserer Generation. Was hält uns ab zu handeln? Sind die Strukturen zu verkrustet und der gesellschaftliche Wille zu schwach? “Werdet sanfter” wäre vielleicht das, was man den Jugendlichen zurufen möchte! Das bedeutet nicht, mit dem Protest am Freitag aufzuhören sondern nur mit der Art und Weise, eine ganze Generation zu “verurteilen”, die auch großes geschafft hat! Reicht uns die Hand, partizipiert weiter, gründet Umwelt StartUps (z.B. Projekt “Umweltprofis für morgen von Unternehmensgrün e.V.) gestaltet Schulprojekte und fordert auch im Schulbereich einen Change zu mehr Partizipation, Freude am Lernen und mehr Projekte sowie außerschulische Aktivitäten.

Zum Thema Schulpflicht: “Was wenn Schule wäre und JEDER geht GERNE hin”. Das muss die Überschrift der neuen Schule sein! Wenn die Schüler auf die Straße gehen, um sich thematisch zu engagieren - dann müssen Lehrer diesem Impuls folgen und an diesem Thema weiterarbeiten. Wieso nicht auch auf der Straße - Workshops anbieten - Umfragen machen - Photodokumentationen machen - Redebeiträge erarbeiten und vieles mehr. Das ist interessengeleitetes Lernen - schon lange ein Teil der Reformpädagogik. Wir müssen hin zu intrinsisch motiviertem Lernen und weg von Notendruck und Schulpflicht. Wir brauchen ein gesetzliche verankertes Recht auf gute Bildung von Anfang an!

Liebe Schüler - ich bin begeisterte Unterstützerin eures Protestes und war schon selbst dabei - sogar als Rednerin. Politiker fordern euch auf ihnen Vorschläge zu machen - da mahnt ihr sie ihre Hausaufgaben zu machen und verlasst euch auf die politische Kraft des Systems. “Gebt den Kindern das Kommando” singt Grönemeyer in seinem nicht mehr ganz jungen Lied. Nutzt eure Phantasie und eure grenzenlose Kreativität sowie eure Gabe des Querdenkens und gestaltet Best Practice Projekte, Startups und weitere Proteste, dreht einen Film und verändert das Bewusstsein der älteren Generation. Zeigt, was passiert, wenn Gesellschaft GEMEINSAM denkt und handelt wenn es kein IHR und WIR gibt sondern nur ein GEMEINSAM! Wir und hiermit meine ich WIR ALLE sind aufgefordert zu handeln - doch Handeln braucht Beziehung und Beziehung braucht Ermutigung und Vertrauen. Handeln braucht nicht den Vorwurf. Der Vorwurf bewirkt ein Zurückziehen in Verteidigung oder einen Gegenangriff. Auch hier versagt unser Bildungssystem. Neue Fächer wie Wirtschaft werden eingeführt statt endlich die Kommunikation und die Werteentwicklung in allen Fächern in den Vordergrund zu stellen. Ohne eine gute Kommunikation kommen wir gar nicht ins Handeln und es entsteht kein Nährboden für Beziehung und damit langfristig auch für Frieden.

Die ältere Generation täte gut daran nicht länger zu warten sondern jetzt zu handeln! Die Journalisten sollten ihre Skepsis ablegen und konsequent über die Proteste berichten - auch wenn es mal ruhiger wird und bei Pressekonferenzen zahlreich erscheinen. Politiker müssen Konzepte entwickeln, Bewusstsein verändern und handeln, Eltern weiter ihre Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen, Wissenschaftler müssen noch lauter werden, Unternehmen können direkt investieren und als Partner der Schülerprojekte fungieren, Ärzte müssen uns weiter auf die gesundheitlichen Folgen aufmerksam machen, Kirchen müssen den Menschen Wege aufzeigen und Kraft geben, Lehrer müssen Klima zum Thema machen und sich aktiv für einen Wandel im Bildungssystem einsetzen und die Schüler unterstützen, der Einzelhandel muss auf Verpackungen verzichten und das Sortiment nachhaltiger gestalten und Künstler müssen als “Klimainfluencer” ihre Bekanntheit nutzen. Wir gemeinsam haben alle unsere “Hausaufgaben”.

Wie wunderbar als ganze Menschheit nun eine gemeinsame Aufgabe und Herausforderung zu haben. Die Umweltfrage und Nachhaltigkeit ist im Moment der einzige Wert, der alle Menschen verbindet, wo Religion ihre Bedeutung verliert und die politischen Systeme zu unterschiedlich sind. Die SDG´s wurde von fast allen Staaten unterschrieben - hier treffen sich die Interessen aller Menschen und Generationen.

Vielleicht haben wir in dieser Zeit des Umbruchs und der Transformation die größte Chance der Menschheit - nämlich die auf Frieden auf der ganzen Erde.

Ich glaube daran. Und Du?

Bettina Sarnes, Lehrerin, Gründerin, Mutter von 4 Kindern, Generation “IHR”